Unser Projekt für die Austrian Development Agency hat an vier Gesamtschulen und
an zwei verschiedenen Standorten der SOS Kinderdörfer stattgefunden. Wir haben
mit Mädchen und Buben, LehrerInnen, SOS Kinderdorfmüttern und SOS
KinderdorfpädagogInnen gearbeitet.
Bedingt durch den Krieg gibt es viele Waisen- und Halbwaisenkinder im Land, die
durch den Verlust eines Elternteils oder beider Elternteile einen wichtigen
Schutzfaktor in ihrem Leben verloren haben.
In Bosnien und Herzegowina, wie in anderen Nachkriegsgesellschaften, gibt es ein
hohes Risiko für Kinder und Jugendliche Opfer von (sexueller) Gewalt zu werden.
Im Krieg wurde sexuelle Gewalt gezielt zur Erniedrigung und Demütigung von
anderen ethnischen Gruppen eingesetzt.
Kinder und Jugendliche in Bosnien und Herzegowina leben in einer Gesellschaft, die
traumatisiert und brutalisiert wurde.
Eine der mittelfristigen Folgen des Krieges ist, dass dadurch die Hemmschwelle
Gewalt auszuüben stark herabgesetzt wurde.
Verschiedene PädagogInnen in Bosnien und Herzegowina haben uns von
Machtmissbrauch und Gewalt gegen junge Frauen in Bosnien erzählt.
Eine Augenzeugin berichtete uns, dass sie vor kurzem gesehen habe, dass ein
Universitätsprofessor eine Studentin im Hörsaal vor allen StudentInnen ins Gesicht
geschlagen hat. Laut ihren Erzählungen kann es vorkommen, dass Mitarbeiter an
Universitäten gegen sexuelle Handlungen Prüfungsnoten vergeben.
Sowohl die Kinder als auch die PädagogInnen in den Workshops berichteten, dass
Waffen in ihrem Land leicht zugänglich sind.
Buben erzählten uns, dass trotz der offiziellen Aufforderung illegale Waffen
abzugeben, noch immer viele Waffen im Umlauf sind.
Sie berichteten uns, dass es für sie als Minderjährige leicht sei, Waffen am
Gemüsemarkt in der Stadt zu kaufen.
Weiters wurde uns aus den Erzählungen der Kinder klar, dass Gewalt in schwierigen
Situationen schnell eskaliert. In kritischen Situationen erscheint uns das Risiko,
körperlich verletzt zu werden, höher zu sein, als in Österreich.
In den Workshops haben uns viele Kinder und Jugendliche Alltagsgeschichten von
Grenzverletzungen und (sexueller) Gewalt in Bosnien und Herzegowina erzählt und
wollten unsere Einschätzung aus dem Ausland hören.
Sie sprachen offen über ihre Gefühle in Bezug auf eigene Erfahrungen sowohl in der
Opfer- wie auch in der Täterrolle.
Mit den Kindern und Jugendlichen war es sehr leicht sowohl mit der Dolmetscherin
als auch auf der nonverbalen Ebene zu kommunizieren.
Beim Übersetzen der Workshops wurde unsere Kollegin von einer Pädagogin dazu
aufgefordert die Geschlechtsteile „Scheide und Penis“ nicht explizit beim Namen zu
nennen, sondern diffus mit „Bauchgegend“ zu übersetzen.
Bei unseren Arbeitsbesprechungen mit Schulleitungen ist uns aufgefallen, dass diese
uns zu verstehen gegeben haben, dass sie um die Problematik von sexueller Gewalt
sehr wohl Bescheid wissen, aber dass sie es als unhöflich empfinden würden, wenn
wir das Thema in der Besprechung mit ihnen zu offen ansprechen.
Gleichzeitig war es ein großer Wunsch der Schulleitungen, dass wir zu diesem
Thema mit den Kindern der Schule arbeiten.
Im Zuge unserer Reflexionen wurde uns klar, wie viele Faktoren zusammen spielen,
wenn es um das Thema sexuelle Ausbeutung geht.
Seit langer Zeit arbeitet unsere Einrichtung in Wien zum Thema sexuelle Gewalt an
Kindern und Jugendlichen. Unser Hauptfokus richtet sich primär auf
Grenzverletzungen, Gewalt und sexuelle Belästigungen durch vertraute und
nichtvertraute Menschen. Sexuelle Gewalt im Zusammenhang mit neuen Medien und
in Institutionen sind auch Themen der Workshops.
Durch unser Projekt in Bosnien und Herzegowina wurde uns der Zusammenhang
von Krieg und sexueller Gewalt stärker bewusst.
Kinder und Jugendliche in Ländern, in denen zivilgesellschaftliche und staatliche
Strukturen zu wenig ausgebildet oder zerstört sind, haben ein weitaus höheres Risiko
Opfer von (sexueller) Gewalt zu werden. Im globalen Kontext sind verstärkt die
Themen organisierte kommerzielle sexuelle Ausbeutung, wie Kinderprostitution und
Kinderhandel, zu berücksichtigen.
Eine Pädagogin an einer Schule in Bosnien und Herzegowina hat von ihren
Kriegserfahrungen erzählt:
Was sie im Krieg von 1992 bis 1995 am allermeisten schockiert habe war, dass die
vermeintlichen Helfer, die UNO-Soldaten, die Lebensmittel verteilt haben, die
Menschen so erniedrigt haben.
Einer der UNO-Soldaten habe zu ihr gesagt,
„Ich habe geglaubt, Ihr Frauen hier seid
wie die Tiere, aber Ihr seid ja nicht anders als unsere Frauen.“
Beim Essen Verteilen hätten die UNO-Soldaten das Brot einfach in die Menge
geworfen, anstatt es zu verteilen.
Einige der Lebensmittelkonserven stammten noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie
habe gesehen, wie UNO-Soldaten ihre Macht missbrauchten, indem sie Lebensmittel
nur im Tausch gegen Sexualität gaben.
Bei unserer Projektwoche im Oktober und November 2007 war die politische
Situation sehr angespannt und einige unserer KooperationspartnerInnen äußerten
die Sorge, dass Bürgerkrieg ausbrechen könnte. Manche Menschen hatten in dieser
Situation schon Vorbereitungen getroffen ins Exil gehen zu können.
Das Thema, bei dem die Meinungen in Bosnien und Herzegowina am stärksten
divergierten war, ob die ethnischen Konflikte hinreichend gelöst sind.
Bei der Arbeit an einer Schule in Nordostbosnien, in Janja, gab es ein Erlebnis in
einer Schulklasse von Mädchen, das uns besonders berührte.
In dieser Klasse saßen islamische und serbisch-orthodoxe Mädchen von einander
getrennt im Sesselkreis.
Die ethnische Zugehörigkeit lässt sich anhand der Namen der Kinder erkennen mit
dem Vorbehalt, dass manche Kinder Eltern aus unterschiedlichen Ethnien haben.
Ein islamisches Mädchen und ein serbisch-orthodoxes Mädchen haben während des
ganzen Workshops Händchen gehalten und ihre gegenseitige Zuneigung offen
gelebt.
Das Thema Demokratie, Transparenz und Korruption war immer wieder Thema in
unseren Workshops, vor allem bei den Buben.
Jugendliche Burschen erzählten uns, dass es sie sehr frustriere, wenn sie die
Korruption in ihrem Land beobachten.
Es gibt viel Engagement von Schulen, Kindern und Jugendlichen
Demokratieverständnis zu vermitteln:
Als Beispiel sei genannt, dass Schulen „Demokratiewettbewerbe“ miteinander
führen.
Wir haben in unserem Projekt in Bosnien und Herzegowina auf eigene und
internationale Materialien zum Thema Prävention von sexueller Gewalt
zurückgegriffen und diese auf Bosnisch übersetzt.
Die übersetzten Materialien sind als Downloads auf unserer Homepage zu finden.
An verschiedenen Schulen und in den SOS-Kinderdörfern in Bosnien wurde immer
wieder der Wunsch nach MultiplikatorInnenschulungen an uns gerichtet. Wir konnten
diesem Wunsch im Rahmen eines Mikroprojekts nur bedingt nachkommen.
Frau Arnela Pasic, Studentin an der pädagogischen Universität, begleitete uns eine
Woche auf unserer dritten Projektreise im Mai 2008 durch Bosnien. Diese
Zusammenarbeit ermöglichte uns ein Feedback einer Pädagogin, die in Bosnien lebt
und andererseits engagierte lokale Expertinnen zu involvieren.
Die Zusammenarbeit mit unserem lokalen Projektpartner, „SOS-Kinderdorf
International“, war sehr konstruktiv und gut.
Wir danken folgenden Personen für die finanzielle Unterstützung des Projekts: Mag. Herbert Pribitzer, den Mitarbeitern des "Office of the High Representative" in Sarajewo, Dipl. Ing. Regina Plail, Mag.a Elisabeth Patterson und den ehemaligen Klassenkolleginnen der "Höheren Internatsschule des Bundes", Wien.
Fernsehinterview für „Kantonalna televizija - Sarajevo“ (TVSA) über unser Projekt in Bosnien und Herzegowina Interview mit Journalist von „Oslobodjenje“, Tageszeitung, Sarajewo Zwei Interviews mit Journalisten von „Avaz“, Tageszeitung, Sarajewo und Bijeljina Gespräch mit Vertreter von KRUG 99, Assoziation von unabhängigen Intellektuellen, Sarajewo Gespräch mit zwei Vertretern der Abteilung Bildung des Bürgermeisteramts, Sarajewo Treffen mit Herrn Anil Raghuvanshi, Programme Officer, Inclusive Basic & Child Protection Services, United Nations Children's Fund, Office for Bosnia and Herzegovina, Sarajewo Mehrere Treffen mit Herrn Mag. Herbert Pribitzer, Vertreter von "Office of the High Representative", Sarajewo Besprechung mit Frau Marina Tomic, „First Children's Embassy“ in Bosnien und Herzegowina, Sarajewo Besprechungen mit Frau Mag.a Astrid Winkler, Geschäftsführerin von ecpat Österreich (Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Rechte der Kinder vor Sexueller Ausbeutung), Wien Fachvortrag über unser Projekt im „Wiener Netzwerk gegen sexuelle Gewalt an Mädchen, Buben und Jugendlichen“, Wien und kurz danach ... Vertreterin unserer NGO als Mitglied der österreichischen Regierungsdelegation: Teilnahme am „World Congress III against Sexual Exploitation of Children and Adolescents“, Rio de Janeiro