In unseren Workshops zum Schutz vor (sexueller) Gewalt
berichten viele Mädchen und Buben von Grenzverletzungen, die sie erlebt oder
die ihnen FreundInnen anvertraut haben. Sie erzählen von beleidigenden
Beschimpfungen, Bedrohungen und/oder von sexuellen Übergriffen. Diese
Geschichten zeigen uns, dass die Konfrontation mit Gewalt, auch mit sexueller
Gewalt, als Teil der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen angesehen
werden muss.
Prävention im pädagogischen Alltag mit Kindern bedeutet im Wesentlichen, an
der Stärkung ihres Selbstwertgefühles zu arbeiten.
Die beste Vorbeugung gegen sexuelle Übergriffe ist, ein Gesprächsklima zu
schaffen, in welchem die Kinder wissen, dass über das Thema sexuelle Gewalt
offen gesprochen werden darf.
In der Prävention mit Kindern ist das Ziel, ihr Selbstbewusstsein und ihr
Vertrauen in die eigenen Gefühle zu fördern. Es soll Kindern ermöglicht
werden, Grenzverletzungen und bedrohliche Situationen rechtzeitig zu erkennen
und richtig einzuordnen. Kinder sollen altersgemäße Informationen zu
Sexualität bekommen und über sexuelle Übergriffe und konkrete Hilfsangebote
Bescheid wissen.
In unserer Gesellschaft sind sowohl Sexualität als auch Gewalt Tabus. Daher
gibt es ein doppeltes Tabu von sexueller Gewalt, spürbar an der Angst und
Verunsicherung, die das Thema auslösen kann.
Wie offen eine LeiterIn oder MitarbeiterIn einer pädagogischen Einrichtung
mit dem Thema sexuelle Gewalt umgeht, ist von der eigenen Einstellung zum
Tabuthema abhängig. Pädagogische Institutionen laufen Gefahr, dass auf
Vorfälle von sexueller Gewalt nicht konsequent und ohne klares Konzept
reagiert wird.
Wenn das Thema sexuelle Gewalt in einer Einrichtung tabuisiert, und nicht
darüber gesprochen wird, dann besteht für Kinder das Risiko, dass bei
sexuellen Übergriffen geschwiegen und weggeschaut wird.
Schutz für Kinder einer Einrichtung kann nicht durch Verschweigen erreicht
werden, sondern nur durch Fachlichkeit und Transparenz in der pädagogischen
Arbeit.
Eine Einrichtung, die aktive Präventionsarbeit leistet, indem sie
Fortbildungen für ihre MitarbeiterInnen, Elternabende zum Thema oder
Präventionsworkshops für Kinder oder Jugendliche anbietet, sendet
Präventionsbotschaften auf mehreren Ebenen.
MitarbeiterInnen werden gestärkt im Umgang mit der Thematik, potentielle
Täter und Täterinnen werden abgeschreckt. Kindern wird vermittelt, dass es
für die PädagogInnen dieser Einrichtung Priorität hat, dass es keine sexuelle
Gewalt gibt. Und sollte es doch zu sexuellen Übergriffen kommen, würde genau
hingesehen und entsprechend reagiert werden.
Wenn man von sexuellen Übergriffen unter Kindern spricht,
verwendet man noch nicht den Begriff sexueller Missbrauch, weil in den
meisten Fällen das Machtgefälle noch nicht so groß ist, wie zwischen einem
erwachsenen Täter und einem Kind.
Man spricht hier von sexueller Gewalt oder sexuellen Übergriffen.
Bei sexuellen Übergriffen unter Kindern wird oft ein schwächeres Kind als
Opfer gewählt: Beispielsweise wird ein Kind gewählt, das jünger ist oder
weniger beliebt als die anderen Kinder.
Auch Kinder mit Behinderungen oder Kinder mit Migrationshintergrund werden
häufiger als Opfer ausgewählt.
PädagogInnen und Eltern sollten bei sexuellen Übergriffen unter Kindern eine
aktive Rolle übernehmen, im Gegensatz zu anderen Konflikten, bei denen es
pädagogisch wünschenswert sein kann, dass die beteiligten Kinder selbst eine
Lösung finden.
Wenn man bei sexuellen Übergriffen unter Kindern reagiert, kann man in die
Gefahr kommen, entweder zu dramatisch zu agieren, oder im Gegenteil, den
Vorfall zu bagatellisieren, weil man ihn nicht zu sehr aufbauschen will. Die
pädagogische Aufgabe ist es, den Gewaltvorfall weder zu bagatellisieren, noch
zu dramatisieren, sondern den Vorfall zunächst richtig einzuschätzen.
Wenn man das Gefühl hat, dass die erste Reaktion nach einem beobachteten
sexuellen Übergriff falsch war, kann man diese ruhig nachträglich noch
verbessern und zu den Kindern sagen:
Ich habe noch einmal in Ruhe über die Sache
nachgedacht und mit meinen KollegInnen darüber gesprochen.
Wenn bei sexuell übergriffigen Kindern die Vorfälle sexueller Gewalt
kontinuierlich übergangen wurden, besteht die Gefahr, dass sich ihre Muster
der Gewalt weiter verfestigen und bei Jugendlichen immer schwerer auflösbar
werden.
Es gibt zwar tatsächlich viele Kinder und Jugendliche, die mit der sexuellen
Gewalt wieder aufhören, aber, entgegen der landläufigen Meinung, meist nicht
von selbst, sondern mit der Sanktionierung und Unterstützung von Außen.
Manchmal sind Eltern und PädagogInnen genervt von der Doppelbödigkeit von
Mädchen, die sexuelle Übergriffe nicht entschieden abwehren, sondern
scheinbar damit kokettieren und sich dann trotzdem danach darüber bei ihnen
beschweren. Mädchen bekommen durch ihre Sozialisation die widersprüchliche
Botschaft vermittelt, dass sie ihren Körper besonders gut schützen und
gleichzeitig mit ihrer Attraktivität die Aufmerksamkeit und Beachtung von
Burschen und Männern finden sollen.
Diese verinnerlichte Doppelbotschaft kann für Mädchen problematisch werden,
wenn es darum geht, sich klar und eindeutig gegenüber Belästigungen
abzugrenzen.
Aus präventiven Gründen ist Sexualerziehung in der Schule und im Kindergarten
sinnvoll, weil Täter häufig Kinder als Opfer wählen, die über Sexualität
schlecht oder falsch informiert sind.
Um bei Verdacht auf sexuelle Gewalt nicht überstürzt und
unüberlegt eine Handlung zu setzen, die auf Kosten des betroffenen Kindes
gehen könnte, sollte man versuchen Ruhe zu bewahren und für sich selbst
Unterstützung zu organisieren.
Es ist wichtig, dem betroffenen Kind zu vermitteln, dass ihm geglaubt wird,
dass es keine Schuld trägt, und dass man ihm auf jeden Fall versuchen wird zu
helfen.