Projekt „Prävention von (sexueller Gewalt) –

Implementierung von Kinderschutzstandards in Bosnien und Herzegowina“

 

Mikroprojekt für die Austrian Development Agency: 01.10.2007 – 30.09.2008

Projektbericht zum Download

Unser Projekt für die Austrian Development Agency hat an vier Gesamtschulen und an zwei verschiedenen Standorten der SOS Kinderdörfer stattgefunden. Wir haben mit Mädchen und Buben, Lehrer_innen, SOS Kinderdorfmüttern und SOS Kinderdorfpädagog_innen gearbeitet.

 

Bedingt durch den Krieg gibt es viele Waisen- und Halbwaisenkinder im Land, die durch den Verlust eines Elternteils oder beider Elternteile einen wichtigen Schutzfaktor in ihrem Leben verloren haben.

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In Bosnien und Herzegowina, wie in anderen Nachkriegsgesellschaften, gibt es ein hohes Risiko für Kinder und Jugendliche Opfer von (sexueller) Gewalt zu werden.

 

Im Krieg wurde sexuelle Gewalt gezielt zur Erniedrigung und Demütigung von anderen ethnischen Gruppen eingesetzt. Kinder und Jugendliche in Bosnien und Herzegowina leben in einer Gesellschaft, die traumatisiert und brutalisiert wurde. Eine der mittelfristigen Folgen des Krieges ist, dass dadurch die Hemmschwelle Gewalt auszuüben stark herabgesetzt wurde.

 

Verschiedene Pädagog_innen in Bosnien und Herzegowina haben uns von Machtmissbrauch und Gewalt gegen junge Frauen in Bosnien erzählt. Eine Augenzeugin berichtete uns, dass sie vor kurzem gesehen habe, dass ein Universitätsprofessor eine Studentin im Hörsaal vor allen Studierenden ins Gesicht geschlagen hat. Laut ihren Erzählungen kann es vorkommen, dass Mitarbeiter an Universitäten gegen sexuelle Handlungen Prüfungsnoten vergeben.

 

Sowohl die Kinder als auch die Pädagog_innen in den Workshops berichteten, dass Waffen in ihrem Land leicht zugänglich sind.

 

Buben erzählten uns, dass trotz der offiziellen Aufforderung illegale Waffen abzugeben, noch immer viele Waffen im Umlauf sind. Sie berichteten uns, dass es für sie als Minderjährige leicht sei, Waffen am Gemüsemarkt in der Stadt zu kaufen.

 

Weiters wurde uns aus den Erzählungen der Kinder klar, dass Gewalt in schwierigen Situationen schnell eskaliert. In kritischen Situationen erscheint uns das Risiko, körperlich verletzt zu werden, höher zu sein, als in Österreich.

 

In den Workshops haben uns viele Kinder und Jugendliche Alltagsgeschichten von Grenzverletzungen und (sexueller) Gewalt in Bosnien und Herzegowina erzählt und wollten unsere Einschätzung aus dem Ausland hören. Sie sprachen offen über ihre Gefühle in Bezug auf eigene Erfahrungen sowohl in der Opfer- wie auch in der Täterrolle.

 

Mit den Kindern und Jugendlichen war es sehr leicht sowohl mit der Dolmetscherin als auch auf der nonverbalen Ebene zu kommunizieren.

 

Beim Übersetzen der Workshops wurde unsere Kollegin von einer Pädagogin dazu aufgefordert die Geschlechtsteile „Scheide und Penis“ nicht explizit beim Namen zu nennen, sondern diffus mit „Bauchgegend“ zu übersetzen.

 

Bei unseren Arbeitsbesprechungen mit Schulleitungen ist uns aufgefallen, dass diese uns zu verstehen gegeben haben, dass sie um die Problematik von sexueller Gewalt sehr wohl Bescheid wissen, aber dass sie es als unhöflich empfinden würden, wenn wir das Thema in der Besprechung mit ihnen zu offen ansprechen. Gleichzeitig war es ein großer Wunsch der Schulleitungen, dass wir zu diesem Thema mit den Kindern der Schule arbeiten.

 

Im Zuge unserer Reflexionen wurde uns klar, wie viele Faktoren zusammen spielen, wenn es um das Thema sexuelle Ausbeutung geht. Seit langer Zeit arbeitet unsere Einrichtung in Wien zum Thema sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Unser Hauptfokus richtet sich primär auf Grenzverletzungen, Gewalt und sexuelle Belästigungen durch vertraute und nichtvertraute Menschen. Sexuelle Gewalt im Zusammenhang mit neuen Medien und in Institutionen sind auch Themen der Workshops.

 

Durch unser Projekt in Bosnien und Herzegowina wurde uns der Zusammenhang von Krieg und sexueller Gewalt stärker bewusst. Kinder und Jugendliche in Ländern, in denen zivilgesellschaftliche und staatliche Strukturen zu wenig ausgebildet oder zerstört sind, haben ein weitaus höheres Risiko Opfer von (sexueller) Gewalt zu werden. Im globalen Kontext sind verstärkt die Themen organisierte kommerzielle sexuelle Ausbeutung, wie Kinderprostitution und Kinderhandel, zu berücksichtigen.

 

Eine Pädagogin an einer Schule in Bosnien und Herzegowina hat von ihren Kriegserfahrungen erzählt: Was sie im Krieg von 1992 bis 1995 am allermeisten schockiert habe war, dass die vermeintlichen Helfer, die UNO-Soldaten, die Lebensmittel verteilt haben, die Menschen so erniedrigt haben. Einer der UNO-Soldaten habe zu ihr gesagt, „Ich habe geglaubt, Ihr Frauen hier seid wie die Tiere, aber Ihr seid ja nicht anders als unsere Frauen.“ Beim Essen Verteilen hätten die UNO-Soldaten das Brot einfach in die Menge geworfen, anstatt es zu verteilen. Einige der Lebensmittelkonserven stammten noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie habe gesehen, wie UNO-Soldaten ihre Macht missbrauchten, indem sie Lebensmittel nur im Tausch gegen Sexualität gaben.

 

Bei unserer Projektwoche im Oktober und November 2007 war die politische Situation sehr angespannt und einige unserer Kooperationspartner_innen äußerten die Sorge, dass Bürgerkrieg ausbrechen könnte. Manche Menschen hatten in dieser Situation schon Vorbereitungen getroffen ins Exil gehen zu können.

 

Das Thema, bei dem die Meinungen in Bosnien und Herzegowina am stärksten divergierten war, ob die ethnischen Konflikte hinreichend gelöst sind.

 

Bei der Arbeit an einer Schule in Nordostbosnien, in Janja, gab es ein Erlebnis in einer Schulklasse von Mädchen, das uns besonders berührte. In dieser Klasse saßen islamische und serbisch-orthodoxe Mädchen von einander getrennt im Sesselkreis. Die ethnische Zugehörigkeit lässt sich anhand der Namen der Kinder erkennen mit dem Vorbehalt, dass manche Kinder Eltern aus unterschiedlichen Ethnien haben.

 

Ein islamisches Mädchen und ein serbisch-orthodoxes Mädchen haben während des ganzen Workshops Händchen gehalten und ihre gegenseitige Zuneigung offen gelebt.

 

Das Thema Demokratie, Transparenz und Korruption war immer wieder Thema in unseren Workshops, vor allem bei den Buben. Jugendliche Burschen erzählten uns, dass es sie sehr frustriere, wenn sie die Korruption in ihrem Land beobachten. Es gibt viel Engagement von Schulen, Kindern und Jugendlichen Demokratieverständnis zu vermitteln: Als Beispiel sei genannt, dass Schulen „Demokratiewettbewerbe“ miteinander führen.

 

Wir haben in unserem Projekt in Bosnien und Herzegowina auf eigene und internationale Materialien zum Thema Prävention von sexueller Gewalt zurückgegriffen und diese auf Bosnisch übersetzt. Die übersetzten Materialien sind als Downloads auf unserer Homepage zu finden.

 

An verschiedenen Schulen und in den SOS-Kinderdörfern in Bosnien wurde immer wieder der Wunsch nach Multiplikator_innenschulungen an uns gerichtet. Wir konnten diesem Wunsch im Rahmen eines Mikroprojekts nur bedingt nachkommen.

 

Frau Arnela Pasic, Studentin an der pädagogischen Universität, begleitete uns eine Woche auf unserer dritten Projektreise im Mai 2008 durch Bosnien. Diese Zusammenarbeit ermöglichte uns ein Feedback einer Pädagogin, die in Bosnien lebt und andererseits engagierte lokale Expertinnen zu involvieren.

Die Zusammenarbeit mit unserem lokalen Projektpartner, „SOS-Kinderdorf International“, war sehr konstruktiv und gut.

 

Wir danken folgenden Personen für die finanzielle Unterstützung des Projekts: Mag. Herbert Pribitzer, den Mitarbeiter_innen des „Office of the High Representative“ in Sarajewo, Dipl. Ing. Regina Plail, Mag.a Elisabeth Patterson und den ehemaligen Klassenkolleginnen der „Höheren Internatsschule des Bundes“, Wien.

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Unsere Öffentlichkeitsarbeit

 

  • Fernsehinterview für „Kantonalna televizija – Sarajevo“ (TVSA) über unser Projekt in Bosnien und Herzegowina

 

  • Interview mit Journalist von „Oslobodjenje“, Tageszeitung, Sarajewo

 

  • Zwei Interviews mit Journalisten von „Avaz“, Tageszeitung, Sarajewo und Bijeljina

 

  • Gespräch mit Vertreter von KRUG 99, Assoziation von unabhängigen Intellektuellen, Sarajewo

 

  • Gespräch mit zwei Vertretern der Abteilung Bildung des Bürgermeisteramts, Sarajewo

 

  • Treffen mit Herrn Anil Raghuvanshi, Programme Officer, Inclusive Basic & Child Protection Services, United Nations Children’s Fund, Office for Bosnia and Herzegovina, Sarajewo

 

  • Mehrere Treffen mit Herrn Mag. Herbert Pribitzer, Vertreter von „Office of the High Representative“, Sarajewo

 

  • Besprechung mit Frau Marina Tomic, „First Children’s Embassy“ in Bosnien und Herzegowina, Sarajewo

 

  • Besprechungen mit Frau Mag.a Astrid Winkler, Geschäftsführerin von ecpat Österreich (Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Rechte der Kinder vor Sexueller Ausbeutung), Wien

 

  • Fachvortrag über unser Projekt im „Wiener Netzwerk gegen sexuelle Gewalt an Mädchen, Buben und Jugendlichen“, Wien

 

und kurz danach…

 

Vertreterin unserer NGO als Mitglied der österreichischen Regierungsdelegation:

Teilnahme am „World Congress III against Sexual Exploitation of Children and Adolescents“, Rio de Janeiro