Projekt „Transkulturelle Gewaltprävention für Mädchen“

 

01.01.2013 – 31.12.2013

Projektbericht zum Download

Auf Basis unserer langjährigen Expertise im Bereich „Gewaltprävention“ an Schulen und der spezifischen demographischen Gegebenheiten der Stadt Wien ist die Idee entstanden, dieses Projekt zur „Transkulturellen Gewaltprävention“ für Jugendliche durchzuführen. Unser Ziel des Projekts ist, 13-14 jährige Mädchen zum Thema Gewaltprävention unter der Berücksichtigung des Aspekts von „Transkulturalität“ in Form von Workshops mit kreativen und pädagogischen Methoden, sowie Beratungen zu stärken, um damit die Schutzfaktoren vor Gewalt für „Teenager Mädchen“ verschiedener kultureller Herkunft zu erhöhen und Risikofaktoren für Mädchen zu vermindern.

Bild 1 Archiv MA 57 Bericht

Auch Schulleiter_innen und Lehrer_innen der Projektschulen werden mittels Beratungen für die Thematik sensibilisiert. Es haben 6 Wiener Schulen am Projekt teilgenommen. Vier der Schulen sind öffentliche Schulen mit eher benachteiligten Mädchen und zwei der Schulen sind private konfessionelle Schulen unterschiedlicher Religionen, eine jüdische und eine katholische Schule.

 

An den sechs Projektschulen haben 13- und 14- jährige Mädchen der 7. und 8. Schulstufen am Projekt teilgenommen, weil dies für Mädchen ein besonders verletzbares Alter ist. Sie haben ein erhöhtes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden oder selbst grenzverletzend zu agieren.

 

Die Schulleiter_innen und Lehrer_innen dieser Schulen konnten wählen, welche der Klassen sie für dieses Projekt für geeignet halten. Wir haben die Schulen ermutigt, Klassen mit Mädchen zu wählen, bei denen sie wissen oder vermuten, dass die Teilnahme für die Mädchen am Projekt besonders wichtig sein könnte, aufgrund von Mobbing-Vorfällen, sexuellen Übergriffen in der Klasse oder transkulturellen Themen.

 

Es haben insgesamt 12 Workshops zu jeweils 4 Stunden, insgesamt also 48 Workshopstunden stattgefunden, sowie 13 Beratungsgespräche. Die Beratungsgespräche fanden mit einer Ausnahme, bei der eine Beratungslehrerin in unser Büro kam, an der jeweiligen Schule statt.

Themenkreise der Beratungsgespräche mit den Mädchen und den Lehrer_innen

 

  • Islamische Mädchen, die kein Kopftuch tragen, werden von den anderen islamischen Mädchen der Klasse als „Schlampen“ beschimpft.
 
  • Die Mädchen der Klasse sind davon überzeugt, dass man sich den Burschen unterordnen und die „Schwächen“ der Burschen kompensieren muss.
 
  • Einige Mädchen stellen „halbnackt Fotos“ auf Facebook, die potentielle Gefahr ist den Mädchen zu wenig bewusst.
 
  • Ein Mädchen der Klasse erlebt vom älteren Bruder massive Dominanz und Gewalt, die Mutter kann das Mädchen nicht ausreichend vor dem Bruder schützen.
 
  • In einem Beratungsgespräch ging es um Mobbing unter den Mädchen der Klasse und um einen Vorfall von kontinuierlichen sexuellen Übergriffen von drei Burschen an einem Mädchen der Klasse. Es erfolgte eine Strafanzeige seitens der Schule. Dennoch ist der Bursche, der in der Haupttäterrolle ist, nicht von dieser Schule suspendiert worden, sondern besucht noch immer die Klasse mit dem betroffenen Mädchen: Der Bursche muss als Konsequenz in der letzten Reihe in der Klasse sitzen, das betroffene Mädchen vorne bei der Lehrerin. Laut Erzählungen der Beratungslehrerin haben die anderen Burschen und Mädchen, sowie die Klassenlehrerin, große Angst vor diesem Burschen. Die Lösung, dass der Bursche im Klassenverband verblieben ist, ist aus fachlicher Sicht als problematisch anzusehen, das wurde der Schule bei der Nachbesprechung klar gesagt.
 
  • Die Mädchen sind sehr schwankend in ihren Freundschaften zueinander, „die Freundin“ wird am nächsten Tag „zur Feindin“, das mache oft die Arbeit in den Klassen für die Lehrer_innen schwierig.

 

Themenkreise in den Workshops

 

  • Ein Mädchen sagte in einem Workshop sehr treffend, dass sie “umso mehr Angst in Situationen habe, je kleiner ihr Handlungsspielraum sei.“ Diese sehr treffende Aussage wurde anhand von praktischen Erfahrungen der Mädchen besprochen.
 
  • Ein Bursche mit einer kognitiven Beeinträchtigung belästigt die Mädchen der Klasse immer wieder sexuell: Er macht während der Schulzeit sexistische Bemerkungen, wie: „Ich stelle mir Dich und Deine Mutter nackt unter der Dusche vor“ und spuckt auch den 3 Mädchen immer wieder in ihr Mittagessen. Die Mädchen haben das Gefühl, das der Bursche aufgrund seiner Beeinträchtigung von manchen Lehrer_innen zu sehr in Schutz genommen wird. Sie hatten sich schon jahrelang immer wieder an den Klassenvorstand der Klasse gewandt und wollten sich nun mit unserer Unterstützung an die Schulleiterin wenden. Die Schuldirektorin wurde dann kurzfristig in den Workshop eingeladen, sie versprach die Situation besser zu regeln.
 
  • Mehrere Mädchen erzählten, dass sie am Heimweg von älteren Männern angesprochen wurden und diese sie verfolgten. Jüngere Männer hätten in der U- Bahn Kondome aus der Tasche gezogen und diese ihnen mit provokantem Blick gezeigt.
 
  • Manche Mädchen wurden von Männern auf der Strasse ungefragt fotographiert, was gegen das „Recht auf das eigene Bild“ verstößt.
 
  • In einigen Klassen des Projekts wurden Mädchen von Klassenkolleginnen in der Schule und auf Facebock über einen längeren Zeitraum gemobbt. Das Mädchen einer Klasse wurde von anderen Mädchen immer wieder mit Müll beworfen.
 
  • In einem Workshop erzählten die Mädchen, dass ein Lehrer der Schule sexuell grenzverletzend und sexistisch ihnen gegenüber sei und erzählten im Workshop folgendes: „Er schaut uns in den Ausschnitt, dann starrt er uns auf den Hintern und macht uns Komplimente zu unserem Aussehen.“ Der Schulleiterin war diese Problematik bewußt gewesen, der Lehrer ist, unserem Wissen nach, nicht mehr an der Schule.
 
  • Manche der Mädchen erzählten, dass sie selbst gewaltbereit seien, dies sei als Überlebensstrategie in ihrem sozialen Umfeld zu sehen.
 
  • Einige Mädchen und deren Freunde wurden im öffentlichen Raum mit dem Messer bedroht, es sei jedoch immer „gut ausgegangen“.

 

Genderwirkung des Projekts

 

  • In manchen Schulen gehören tägliche sexistische Bemerkungen der Burschen den Mädchen gegenüber zur Alltagssprache in der Klasse, beispielsweise erzählten die Mädchen im Workshop folgende Geschichte aus ihrer Klasse: Ein Mädchen fragt ihren Klassenkollegen: „Darf ich einen Kaugummi von dir haben?“ Der Bursche antwortet: „Ja, wenn ich dir dafür an den Busen greifen darf.“
 
  • An einer anderen Projektschule erzählten die Mädchen „Wir werden ständig als Schlampen bezeichnet, das ist für uns schon normal“. Ein Mädchen erzählte, dass sie von einem Burschen der Klasse immer wieder erpresst worden sei. Er antwortete ihr auf die Frage: „Kannst du mir deinen Stift leihen?“ mit „Ja,wenn du mir dafür einen bläst“. Die Mädchen werden von den Burschen auch an ihrem Hintern und ihrer Brust angefasst. Eine der Klassenlehrerinnen ist an dieser Stelle beim Workshop anwesend und positionierte sich sehr klar und sagte, dass dieses Verhalten der Burschen völlig inakzeptabel sei. Die Schule werde sich als Konsequenz überlegen, den Burschen die Teilnahme an der geplanten Schiwoche nur dann zu ermöglichen, wenn diese Übergriffe aufhörten.
 
  • Einer der Übungen, die wir mit den Mädchen im Projekt gemacht haben, war folgende: Sie sollten anonym Kärtchen mit folgenden Fragen beantworten: „Weil ich ein Mädchen/ ein Junge bin, darf ich, muss ich…“. Klassische Rollenbilder sind immer noch weit verbreitet, etwa, dass „Mädchen hilfsbereit, nett, hübsch, nicht erfolgreich sein müssen“. „Burschen hingegen sollen stark sowie egoistisch sein und dürfen alles machen“. Die Mädchen meinten bei der Übung, dass „Gefühle zeigen dürfen“ richtig sei für Burschen, meinten aber dann, dass die Burschen selbst dies sicher anders bewerten würden.
  • In manchen Gruppen erzählten einige Mädchen bei der „Heartbeat-Übung“ mit der Frage: „Wie weit würdest Du in einer Liebesbeziehung gehen?”, dass sie sich relativ viel gefallen lassen von Burschen, um ihre Liebesbeziehung nicht zu gefährden. Der Aspekt, dass die Kontrollmechanismen ihres Partners nicht mit Liebe verwechselt werden sollten (etwa, wenn der Partner ihr verbietet Freund_innen zu treffen) war für manche Mädchen neu. Das kann als Risikofaktor für jugendliche Mädchen, in gewalttätige Beziehungen „hineinzurutschen“ gesehen werden.
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